Mit 60 promoviert, mit 67 Coaching — warum es für nichts zu spät ist
Über späte Neuanfänge, den Mut, unbequem zu bleiben, und warum das „zu spät"-Gefühl ein falscher Freund ist. Ein persönlicher Text für alle, die glauben, ihr Zug sei abgefahren.
Von Dr. Claudia Richter · 24. April 2026 · 7 Min. Lesezeit
Als ich mich mit 57 entschieden habe, zu promovieren, haben zwei Menschen im Umfeld gelacht. Nicht böse, eher verlegen. Der eine sagte: „Das wird doch jetzt nichts mehr." Die andere meinte: „Wofür noch das Drama?"
Drei Jahre später hatte ich meinen Doktortitel. Mit 60. Heute, mit 67, bin ich Autorin von zwei Büchern, baue ein Coaching-Angebot auf und lebe in einem alten Reetdachhaus in Nordfriesland. Ich bin nicht fertig. Im Gegenteil.
Dieser Artikel ist für dich, falls du irgendwo zwischen 45 und 75 bist und immer wieder diesen leisen Gedanken hörst: „Jetzt ist es eh zu spät."
Ich möchte dir sagen: Ist es nicht. Und ich möchte dir aus meiner eigenen Erfahrung erzählen, warum dieses Gefühl von „zu spät" oft mehr mit dir selbst zu tun hat als mit deiner Uhr.
Vier Gedanken, die mir den Weg geöffnet haben
1. „Zu spät" ist ein Erbstück. Nicht deine Wahrheit.
Das Gefühl, dass es für etwas zu spät sein könnte, ist in den wenigsten Fällen eine sachliche Einschätzung. Es ist ein Satz, den wir meistens von jemandem übernommen haben. Von einer Mutter, die mit 50 schon als „alt" galt. Von einer Schwiegerfamilie, die meinte, ab einem gewissen Alter gehöre man zum alten Eisen. Von einer Gesellschaft, die Frauen 50+ lange als „unsichtbar" behandelt hat.
Ich war in einer Generation groß geworden, in der meine Mutter mit Anfang 60 schon das Gefühl hatte, „abgewirtschaftet" zu haben. Ihre Generation hatte den Krieg überlebt, eine Familie großgezogen, ein Haus gebaut, und dann war die Erzählung: „Jetzt ist Ruhe. Jetzt bist du auch dran." — „Dran" im Sinne von: am Ende.
Diese Erzählung ist nicht meine. Und ich vermute, sie ist auch nicht deine. Wir sind anders aufgewachsen, wir haben anders gelebt, wir sind gesünder, wir haben andere Möglichkeiten. Die Biografie unserer Mütter ist nicht unsere Biografie.
Wenn du den Satz „Jetzt ist es zu spät" in dir hörst, frag einmal zurück: Wessen Stimme ist das eigentlich? Oft ist es eine, die du dir einfach abgewöhnen darfst. Genau diese Art Stimmen — die, die sich wie Wahrheit anfühlen, es aber nicht sind — habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschlüsselt: Fünf Sätze, die alles verschieben.
2. Der Preis des Unbequem-Seins — und warum er sich lohnt
Ich nenne mich selbst gerne „Systemsprengerin". Das ist nicht aggressiv gemeint. Es ist eine Haltung. In mir schlägt das Herz einer Frau, die sich nicht verbiegen lassen will, die nach eigenen Regeln lebt und die verschwenderisch ist mit ihrer Lebensfreude. Pippi Langstrumpf nenne ich mein ultimatives Vorbild an Resilienz.
Das Problem: Unbequem zu sein hat einen Preis. Du wirst nicht gleich geliebt. Du wirst manchmal ausgeschlossen. Du wirst dich einsam fühlen, gerade dann, wenn du klare Dinge sagst. Und es gibt Menschen, die sich von deiner Art, die Dinge anzusprechen, gestört fühlen werden.
Aber: Der Preis des Bequem-Seins ist viel höher. Bequem-Sein heißt, dass du dich klein machst. Dass du vorformulierst, was gut ankommt. Dass du Dinge nicht sagst, die du sagen müsstest. Dass du Formen bedienst, in die du längst nicht mehr passt. Bequem-Sein ist still sterben.
Ich habe mich für unbequem entschieden. Nicht aus Trotz, sondern aus Lust am Leben. Ich will keine zweite Hälfte, die der ersten gleicht. Ich will eine, die endlich meine ist.
Rolemodel und Anstiftung zum Unbequem-Sein. Das ist nicht meine Marketingformel. Das ist meine Überlebensstrategie.
3. Warum „spät" oft „gerade richtig" heißt
Es gibt Dinge, die man früh machen muss — eine Promotion vielleicht, wenn man eine klassische Uni-Karriere anstrebt. Aber die allermeisten Lebensentscheidungen sind nicht zeitgebunden. Sie sind reifegebunden.
Ich hätte mit 35 nicht die Bücher schreiben können, die ich heute geschrieben habe. Ich hätte nicht über sexualisierte Gewalt, Scham und das Schweigen einer Generation schreiben können. Ich hätte nicht die Sprache dafür gehabt. Ich hätte nicht die Distanz gehabt. Ich hätte nicht die Erlaubnis gehabt — von mir selbst.
Dass ich diese Bücher heute schreibe, ist kein Trotz gegen die Zeit. Es ist Ausdruck dessen, dass ich erst jetzt reif dafür bin. Und dass mein Thema eines ist, das genau die Generation braucht, die ich heute selbst bin. Frauen zwischen 50 und 75, die einen Teil ihres Lebens in ein System eingepasst haben, das sie nicht gemeint hat.
Dein spätes Projekt könnte — genauso — dein reifes Projekt sein. Die Sachen, die du mit 30 nicht machen konntest, weil dir noch etwas Entscheidendes fehlte, kannst du jetzt vielleicht machen. Vielleicht sogar nur jetzt.
4. Die Handbremse sitzt selten außen
Als Trauma- und Kommunikationsexpertin höre ich oft diesen Satz: „Ich würde ja gerne, aber …". Dann kommen die äußeren Gründe: Zeit, Geld, Familie, Gesundheit, andere Verpflichtungen.
Ich nehme diese Gründe ernst. Viele sind real. Aber in meiner Erfahrung sitzen die eigentlichen Bremsen fast immer nicht außen. Sie sitzen innen. Und sie klingen oft so:
- „Was werden die Leute sagen?"
- „Wer bin ich eigentlich, das zu machen?"
- „Vielleicht falle ich auf die Nase."
- „Ich habe nicht die Ausbildung / das Talent / die richtige Geschichte."
- „Ich bin zu alt / zu jung / zu spät / zu früh."
Das sind keine Vernunft-Argumente. Das sind Überlebenssätze aus einer Zeit, in der Auffallen gefährlich war. Wenn du sie als das erkennst, was sie sind — alte Schutzmechanismen — verlieren sie einen Großteil ihrer Kraft. Die hinterhältigste dieser Bremsen heißt Scham, und sie wirkt oft im Verborgenen. Mehr zu Scham, Wut und Angst als Verbündete — und wie du aus inneren Bremsen Informationen machst — findest du in einem eigenen Artikel.
Das Coaching, das ich heute anbiete, arbeitet genau an dieser Stelle. Nicht mit positivem Denken. Sondern damit, dass wir deine Handbremse präzise finden, sie ernst nehmen — und dann zusammen schauen, was du loslassen darfst.
Was ich meiner jüngeren Claudia sagen würde
Wenn ich mit meiner 40-jährigen Claudia sprechen könnte, würde ich ihr vier Sätze sagen:
1. Fang an. Egal mit was. Fang an. Das Anfangen ist der schwierige Teil. Alles andere kommt von selbst.
2. Die Ungeduld wird bleiben. Aber sie wird sich verwandeln. Aus „Warum geht das nicht schneller?" wird irgendwann „Ich habe noch viel Zeit." Nicht weil du mehr Zeit hast. Sondern weil du sie anders nutzt.
3. Du musst nicht geliebt werden von allen. Von allen, die du liebst, darfst du geliebt werden. Mehr brauchst du nicht. Wirklich nicht.
4. Sei verschwenderisch mit Lebensfreude. Teile sie aus. Sie vermehrt sich dadurch. Das ist die einzige Währung in deinem Leben, die bei Großzügigkeit wächst.
Für dich, die du vielleicht noch überlegst
Egal, ob dein Thema ein Buch ist, ein Studium, ein Beruf, eine neue Beziehung, ein Umzug, ein Coming-Out oder das Ansprechen von etwas, was in deiner Familie immer geschwiegen wurde:
Die Frage ist nie, ob es zu spät ist. Die Frage ist, ob es dein Thema ist. Wenn ja, ist es nie zu spät. Wenn es deines ist, ist auch mit 85 noch Zeit.
Und falls du in den nächsten Wochen einen konkreten Schritt machen willst: Lies eins meiner Bücher (hier findest du beide), hol dir das kostenfreie Freebie, wenn du dranbleiben willst, oder melde dich zu einem kostenfreien Vorgespräch, wenn du jemanden brauchst, der den Schritt mit dir hält.
Der eine Gedanke zum Mitnehmen
Mit 60 hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal wirklich zu leben. Mit 67 habe ich jetzt das Gefühl, erst am Anfang zu stehen.
Das ist keine Koketterie. Das ist, was passiert, wenn man mit dem eigenen Leben endlich auf Augenhöhe ist. Und das ist — anders als man mir als Kind erzählt hat — nicht abhängig vom Alter. Es ist abhängig von der Bereitschaft, hinzuschauen.
Frech. Frei. Lebendig. Und ein bisschen unbequem. Mehr brauche ich nicht. Ich glaube, du auch nicht.
— Claudia
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